© Facts; 2001-07-19; Seite 88; Nummer 29

Von Mischa Hauswirth

Basler Kakao

Mit Hilfe von Basler Missionaren wurde Ghana zum weltgrössten Kakaoproduzenten. Wieder entdeckte Bilder erzählen eine unschweizerische Geschichte.

Der Boom begann 1893. Eine Hand voll Ruderer im Dienste von Schweizer Missionaren brachten 150 Kilo Kakaobohnen auf ein Dampfschiff, das in der lang gezogenen Bucht von Accra vor Anker lag. Ziel der Fahrt: Hamburg. Zwanzig Jahre später war Ghana - damals Goldküste genannt - die Nummer eins unter den Kakaoexportländern der Welt. Wesentlich beteiligt am Aufstieg waren die Basler Mission (BM) und ihr Ableger, die Basler Handelsgesellschaft.

Die Kolonialgeschichte der Nicht-Kolonialmacht Schweiz ist noch heute bemerkenswert. «Wenn die Schweiz auf irgendein Land einen starken Einfluss ausübte, dann auf die ehemalige Goldküste», sagt Peter A. Schweizer, eidgenössischer Botschafter in Ghana und Kenner der Missionsgeschichte. Wie eng einst das Land der Toblerone und Ghana verknüpft waren, belegen erst kürzlich wieder entdeckte Fotos im Archiv der BM. Nur noch wenige Experten der Missionsgeschichte wussten um die Bedeutung der BM für die Entwicklung der Kakaoindustrie in Ghana.

1857 hatte der Agronom Johannes Haas nach einer anstrengenden Schiffsreise die Goldküste betreten, um für die Basler Mission den Anbau neuer Pflanzen zu testen, die für die Landwirtschaft von Nutzen sein könnten. Denn die Praktiker unter den Missionaren hatten erkannt, welches Potenzial im fruchtbaren Boden steckte. Haas richtete sein Augenmerk auf die Kakaopflanze, die der Portugiese José Ferreira Gomes fünfzig Jahre zuvor an die afrikanische Westküste gebracht hatte. Auf der Insel Fernando Po, heute bekannt als Bioko und Teil von Äquatorial-Guinea, entstanden die ersten Kakaoplantagen des Kontinents. Die Idee der Portugiesen: Europa mit Kakao vom nahen Afrika aus zu versorgen, statt den langen Seeweg von Mittelamerika oder Asien auf sich zu nehmen.

Haas sollte im Auftrag der Mission die Anbaupalette der einheimischen Bauern erweitern und eine neue Einnahmequelle erschliessen. Die Kakaokeimlinge trieben rasch, doch Haas und sein Nachfolger, der Agronom Johann Jakob Lang, hatten keinen Erfolg. Entweder zerstörten Ameisen die Blüten, oder Wind und Sonne setzten den jungen Bäumen so stark zu, dass sie abstarben. Ein anderer hatte mehr Glück: Der bei der Basler Mission zum Werkzeugmacher ausgebildete spätere Volksheld Tetteh Quarshie hatte die Goldküste verlassen, um auf einer Plantage auf der Insel Fernando Po bei den portugiesischen Kakaopionieren zu arbeiten. Schenkt man der in Ghana verbreiteten Legende Glauben, schmuggelte der Ghanaer Quarshie bei seiner Rückkehr unter grosser Gefahr im Handgepäck fünf Kakaobohnen - womit die Erfolgsstory ihren Anfang nahm.

Nach der Unabhängigkeit von England machte 1957 die ghanaische Regierung den Mythos Quarshie als Symbol dafür, dass einheimische Bauern von Anfang an das Rückgrat der Kakaoindustrie waren. Tatsächlich wuchsen Quarshies erste Kakaopflanzen vor dem Haus seiner Familie in der Nähe von Akropong. Erst später legte er eine kleine Farm von einer Drittelhektare an. Warum die Anstrengungen der Schweizer Agronomen fruchtlos blieben, ist ein Rätsel, denn in den bis heute erhaltenen Arbeitsrapporten sind keine Anbau- oder Pflegefehler auszumachen.

Die Basler Mission und die Basel Mission Trading Company (BMTC), wie sich die Basler Handelsgesellschaft auf Englisch nannte, waren seit 1859 im Land tätig. Rasch wuchs sie zu einer der vier grossen Handelsgesellschaften an der Goldküste heran. Mitte des 19. Jahrhunderts war Palmöl, ein Rohstoff für Seife, das wichtigste Exportgut, daneben handelte die Gesellschaft mit Palmkernen, Gummi und Kaffee.

In Europa wuchs während dieser Zeit das Verlangen nach Kakaobohnen - die Preise wuchsen mit. Franĉois-Louis Cailler hatte bei Vevey bereits 1819 die erste Schweizer Schokoladenfabrik eröffnet. Der Konsum stieg besonders, nachdem der Schweizer Philippe Suchard 1826 die erste Mischmaschine eingesetzt hatte, denn das Vermengen von Zucker und Kakaopulver hatte einen sensationellen, neuen Geschmack zur Folge. Zudem hatten die Briten 1849 die erste Essschokolade auf den Markt gebracht, die sofort ein Erfolg wurde, nicht zuletzt, weil die positive Auswirkung von Schokolade auf die Gesundheit als wissenschaftlich erwiesen galt.

Aus pietistischer Überzeugung förderten die Missionare die Entwicklung des ghanaischen Bauernstands. Mit dem Anbau von Kakao setzte man bewusst auf die Kleinbauernstruktur, die zwischen der Hauptstadt Accra und dem Hinterland Richtung Kumasi fest verwurzelt war. Die Ansprüche des Kakaobaumes an den Lebensraum liessen sich bestens mit dem heissfeuchten Klima und den von Buschwerk und Wald durchsetzten Landstrichen vereinen.

Da Kakao am besten im Schatten von Bäumen wächst, sind kleine Felder ideal. Weil fast jede Familie ein wenig Land besass, hofften die Missionare, Kakao würde das Einkommen der Landbevölkerung aufbessern. Von Anfang an übertrug die BMTC die Verantwortung für den Kakaoanbau den Einheimischen - das lag alles andere als im Zeitgeist. Kolonialmächte wie England, Frankreich oder Deutschland setzten auf Massenproduktion und Grossplantagen. Ihre Geschäftsphilosophie reduzierte die Afrikaner zu billigen und abhängigen Taglöhnern.

«Für die Basler Missionare waren die einheimischen Bauern Handelspartner und keine Untertanen», sagt Paul Jenkins, Historiker und Archivar der Basler Mission. «Schon damals verfolgten sie bewusst Prinzipien, die man heute unter dem Begriff «fair trade» kennt, das heisst, Bauern für ihre Produkte gerechte Preise zu bezahlen.»

Dank organisierter Abnahme verdienten die Bauern gut und sollten im Gegenzug Importwaren kaufen, die für sie von Nutzen waren: Stoffe, Werkzeuge, Bücher, Papier oder Arzneimittel. Schnaps, Gewehre oder Munition suchte man in den BMTC-Läden vergeblich. Missionare begannen schon früh mit dem Bau von Strassen und setzten sich für die Entwicklung von Schulsystem und Gesundheitswesen ein. Das erste Spital abseits der Küste wurde in Akropong errichtet. Der Missionar Fritz Ramseyer aus Neuenburg verbrachte mit seiner Frau mehr als 30 Jahre in Ghana. Heute noch zeugen Namen wie «Ramseyer Church» oder «Ramseyer School» vom stämmigen Mann mit langem Bart. Die Bemühungen der Basler Missionare, die Kakaobohne in der Bevölkerung zur Saat zu bringen, zeigte bald erste Erfolge: «Die Seriosität, mit der die Leute an der Goldküste den Kakaoanbau aufnahmen und entwickelten, war phänomenal», schrieb A. W. Knapp 1920 im Buch «Cocoa and Chocolat: Their History from Plantation to Consumer».

Selbst heute - Ghana ist noch immer Kakaoexportnation Nummer zwei in der Welt - besteht die Struktur nach wie vor aus kleinen, selbst bestimmten Bauern. «Das ist unser grösstes Problem in der Produktionsplanung», erklärt Sam K. Appah, Chef der staatlichen Kakaogesellschaft Ghana Cocoa Board. «Der Farmer ist sein eigener Chef. Wir können den Bauern nicht vorschreiben, was sie anbauen sollen, möchten aber in den nächsten vier Jahren unsere Produktion um zwanzig Prozent steigern.»

Ein Teil der Ernte landet noch immer in der Schweiz - rund 8000 Tonnen zum Beispiel bei Lindt und Sprüngli. Eine Pressesprecherin in der Firmenzentrale lobt den ghanaischen Kakao «als einen der besten, wenn nicht den besten Konsumkakao». Die ghanaischen Bauern verwenden noch heute eine seit den Anfängen des Kakaoanbaus gebräuchliche Fermentierungs-Methode, bei der die aus der Frucht entfernten Bohnen in Bananenblätter eingewickelt werden. Das vermindere den Säuregehalt und verbessere den Geschmack, heisst es.

Bei der Kolonialisierung Ghanas stiessen die Schweizer auf die gleichen Hindernisse wie jede andere Nation: Zu Beginn um 1830 gab es lediglich ein paar Fusspfade im Landesinneren. Der Transport war das Hauptproblem im tropischen Regenwaldgürtel Westafrikas. Ausser den Eisenbahnlinien, welche die Briten um 1900 zum Abtransport von Gold gebaut hatten, führten meist nur ein paar schwer passierbare Naturwege durch den Busch. Der einzige Verkehr bestand aus Sänften und ihren Trägern. Die Umstände verunmöglichten den Einsatz von Ochsen oder Pferden - die Tiere wurden zu schnell krank. «Menschen sind die besten Lasttiere», heisst es in einer zeitgenössischen Schilderung.

Die Basler Missionare bauten die ersten Strassen in das von Sümpfen, Seen, Buschwerk und dicht bewaldeten Hügeln durchzogene Hinterland. Dreissig Jahre später, als die Handelsgesellschaft ans Geschäftemachen ging, war es noch immer eine höllische Plackerei, bei drückender Hitze Fässer voll mit landwirtschaftlichen Gütern an die Küste zu rollen.

1893 war es dann so weit, die erste Kakaoladung wurde von Akuapem an die Küste gebracht: 150 Kilo in 30-Kilo-Säcke abgefüllt. Stundenlang trugen fünf Einheimische das kostbare Gut auf dem Kopf durch das monotone, dünn besiedelte Buschland, dessen Luft von Zikadenzirpen erfüllt war. Ziel war die Mission Factory in Accra. Von dort aus brachte man die Fracht an den Strand, wo sie eine von der Mission angeheuerte Rudermannschaft in Kanus verstaute. Es folgte ein nicht ungefährliches Manöver durch die hohen Küstenwellen zum Schiff, das draussen vor Anker lag. Die Kanuteams waren ein wichtiges Glied in der Transportkette - erst nach dem Ersten Weltkrieg bauten die Briten einen Hafen für Hochseeschiffe an der Küste.

Heute wickelt Ghana den gesamten Kakaohandel über den Hafen von Tema ab, eine gesichtslose Stadt 35 Kilometer östlich von Accra. Hier sind alle grossen Handelsfirmen angesiedelt, und die ganze Kakaoproduktion des Landes wird in trostlosen Fabrikhallen verarbeitet und später auf Schiffe verladen. 1911 verdrängte Ghana Sćo Tomé und Principe vom ersten Platz der Kakaoexporteure und liess auch fortan andere wichtige Konkurrenten wie Brasilien oder Ecuador hinter sich. Bis 1976 blieb das so. Heute belegt Ghana nach Elfenbeinküste den zweiten Platz. Der Export stieg von 530 Tonnen im Jahr 1900 auf fast 9000 Tonnen 1906, bis 1911 vervierfachte sich die Menge erneut, und heute liegt die Jahresproduktion bei rund 400 000 Tonnen.

Bis 1905 gab es keine kommerziell genutzten Motorfahrzeuge im Land. Rasch zeigte sich, dass ein effizienter Transport für den Handel sehr wichtig war. Die Handelsgesellschaft brachte den ersten Lastwagen ins Land. Marke AEG, hergestellt in Berlin, Kosten 1115 britische Pfund. Ein Fahrzeug mit Vollgummireifen, robust, mit einer grossen Ladefläche, aber nicht geschaffen für den afrikanischen Regenwald: Auf der Jungfernfahrt vom Hinterland an die Küste ist das Vehikel so sehr beladen, dass es kaum vorwärts kommt. Mehrmals bleibt es stecken und bricht schliesslich auf einer Brücke ein, die nur für Fussgänger konstruiert ist. Mit Müh und Not erreichen Lastwagen und Ladung ihr Ziel. In den folgenden Jahren, als die BMTC einen ganzen Lastwagenpark an die Goldküste schiffte, zeigte sich, wie wichtig die Investition in taugliche Strassen gewesen war.

Je bedeutender Kakao als Exportprodukt wurde, desto heftiger kritisierten die Handelsgesellschaften gegenseitig ihre Geschäftspraktiken. Obwohl die Kolonialregierung die Schweizer in Ruhe ihren Geschäften nachgehen liess, waren die Briten alles andere als glücklich darüber, dass die christliche BMTC so sehr im Wirtschaftsleben des Lands mitmischte.

Der Erste Weltkrieg brachte das vorläufige Ende. Zu dieser Zeit hatte die Mission mehr Deutsche als Schweizer in ihren Reihen. Die Engländer deportierten kurzerhand alle Missionare. Lastwagen und Gebäude wurden konfisziert - die lästige Konkurrenz war auf einen Schlag lahm gelegt.

Erst in den Zwanzigerjahren kehrte eine Organisation, die aus der Handelsgesellschaft hervorgegangen war, an die Goldküste zurück: die Union Trading Company (UTC). Die neue Firma hatte keine offiziellen Verbindungen mehr mit der Basler Mission. Im Sog der UTC-Handelstätigkeit kamen viele Schweizer ins koloniale Ghana, und noch 1957, dem Jahr, in dem Ghana unabhängig wurde, war die Schweizer Kolonie nach den Briten die zweitgrösste europäische Vertretung.

Während der sozialistischen Regierungszeit stellte die UTC ihre Handelstätigkeit ein. Heute leben noch 268 Schweizer in Ghana. Nur gerade drei sind im Früchteexport nach Europa tätig, die Mehrheit arbeitet im Dienstleistungsbereich. Der Kakao ist neben dem Gold die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Und auf der 1000-Cedi-Note Ghanas ist ein Bauer abgebildet, der Kakaofrüchte erntet.

«Schweizer» ruderer: Der Schweizer Franz Emil Fleischhammer posiert 1911 mit einer Rudermannschaft, die den Kakao zu den Frachtschiffen brachte. Die T-Shirts mit Schweizer Kreuzen stammten angeblich von der Fussball-Nationalmannschaft.

«Für die Basler Missionare waren die Bauern Handelspartner und keine Untertanen.» Paul Jenkins, Historiker

Pionier: Der erste Lastwagen erwies sich nicht als tauglich für den Regenwald.

Kontrolle: Hugo Hafermalz beaufsichtigt 1904 die Verarbeitung des Kakaos.

Harte Arbeit: Frauen tragen Ballen mit Kakao durch den Regenwald an die Küste.

Die Schweizerin: Rosa Luise Ramseyer und ihr Mann haben Spuren hinterlassen: Kirchen tragen ihren Namen.

«Die Seriosität, mit der die Leute den Kakaoanbau aufnahmen, war phänomenal.» A. W. Knapp

Flicken: Die Lastwagen leiden im tropischen Kima und werden in dieser Werkstatt in Accra gewartet.

Verarbeitung: Die Schoten werden geöffnet, der Inhalt in Körben für die Fermentierung bereitgestellt.

Verladen: In Accra liegen die Säcke bereit. Brandungsboote bringen sie zu den Schiffen.

Basler Mission

Die Basler Mission (BM) wurde 1815 von Protestanten gegründet, um das Christentum und die baslerisch-schwäbische Auffassung einer christlichen Lebensführung zu verbreiten. Ins fromme Bestreben zu helfen, spielte auch ein Wiedergutmachungsgedanke, hatten einige Regionen Afrikas doch stark unter dem Sklavenhandel gelitten. Im 19. Jahrhundert war die BM in Ghana, Kamerun, Indien, Hongkong und Südchina tätig. 1859 entstand die BM Handelsgesellschaft. Die Missionare sollten der Bevölkerung Unterstützung anbieten und sich um einen konstruktiven Handel mit einheimischen Lieferanten bemühen. So sollte in der Welt Arbeit für neue Christen entstehen. Der Gewinn aus dem Handel floss in die Kasse der BM und der Aktionäre. Nach dem Ersten Weltkrieg trennte sich die BM von ihrer Handelsgesellschaft. 2000 löste sie sich von ihrem Namen und bildet nun mit anderen Organisationen die Mission 21. Sie unterstützt Entwicklungshilfeprojekte und arbeitet mit lokalen Kirchen zusammen.

Dokumentiert ist die Geschichte der BM mit rund 28 000 Fotografien, einzigartige Zeitdokumente afrikanischer und asiatischer Kulturen. Auf das Frühjahr 2002 macht die BM das wertvolle Fotoarchiv im Internet öffentlich zugänglich (Adresse noch unbekannt).

Das Festival «Afrika in Basel - Basel in Afrika» zeigt vom 28. August bis 2. September die Beziehungen, die durch die BM und andere Institutionen entstanden sind. Infos: www.absa.ch.

Mission 21: Schule für junge Kamerunerinnen.
Foto: Archiv Basler Mission

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