Aargauer Zeitung / Reg. Frick-Laufenburg; 2002-10-19

Basler-Schatzruhe für "tout le monde"

Basler Mission Eine Trouvaille sondergleichen - das Bildarchiv ist im Internet zugänglich, notabene gratis
Des Baslers Selbstverständnis flirtet gerne mit seiner Internationalität. Falsch: Der Flirt entpuppt sich als ernst gemeinte Liebe. Wers nicht glaubt, braucht nur die Internetadresse www.bmpix.org zu tippen - schon stösst er auf das Bildarchiv der Basler Mission: eine weltweit einmalige Sammlung.

ELISABETH FELLER

Superlative sollten nicht inflationär verwendet werden. Dennoch muss zu Superlativen greifen, wer jetzt - einigermassen - abschätzen will, was sich hinter der Internetadresse www.bmpix.org verbirgt: rund 28000 Fotografien aus dem Archiv der Basler Mission, die ab sofort "tout le monde", will heissen: der Weltöffentlichkeit zur Verfügung stehen. Gratis, notabene. Wie das? Ein "zugewandter" Ort wie der Kanton Aargau ist baff, weil einmal mehr die Christoph Merian Stiftung (CMS) ihre Hände im Spiel hat. Konkret: Sie griff der "mission 21", die das Projekt bereits seit rund 12 Jahren in ihrem Herzen bewegt, mit 4800000 Franken unter die Arme. Das ist, den pietistischen Grundsätzen der CMS-Gründer getreu, eine noble Geste, die akkurat zu einer Institution passt, deren Missionare bereits um 1860 mit dem Fotoapparat nach Afrika und Asien reisten - um dort Fotos zu "schiessen", die heute einzigartigen Wert haben. Derart unvergleichlich, dass CMS Direktor Christian Felber nicht von einem genuin lokalbaslerischen, sondern von einem "internationalen Kulturgut" spricht wahrlich der Förderung würdig!

Rund 50000 Fotografien aus der Zeit zwischen 1860 und 1950 nennt die Basler Mission seit langem ihr Eigen. Davon wurden 28400 während über zehn Jahren mikroverfdmt, inventarisiert, konserviert und beschrieben. Eine umfassende Datenbank enthält Informationen zu jedem Bild. In einern weiteren Schritt hat die "mission 21" die Fotografien der Basler Mission in Zusammenarbeit mit der CMS sowie dem HyperStudio fürs Internet aufbereitet: primär eine hochinteressante Quelle für die einstigen Kolonialländer, die sich problemlos in hoch auflösender Qualität herunterladen lässt. Den Nutzen einer solchen, notabene hervorragend übersichtlich gestalteten Datenbank, fasst Archivar Paul Jenkins so zusammen: "Sie soil deminterkulturellen und interreligiösen Dialog förderlich sein, was auch ein wichtiges Anliegen von "mission 21" ist." So ermöglicht sie beispielsweise vergleichende Forschungsarbeit über die Sozialgeschichte verschiedener Religionen.

Bestechend ist die Einbindung von Visual Interpreters

Beispiel gefällig? Suchen Neugierige "Sakrale Bauten" im Themenkatalog, finden sie - je als Untergruppen auf derselben Ebene - Kirchen, Moscheen, Tempel und andere sakrale Orte. Mit diesem "Interkulturellen Dialog" , verknüpft Jenkins in erster Linie die -Hoffnung, dass "viele Menschen in Afrika und Asien unterschiedlichster kultureller und religiöser Prägungen mit den Bildern arbeiten und ihre Ergebnisse austauschen werden."

Bestechend am Vorhaben ist die Einbindung so genannter Visual Interpreters. Sie stammen aus Regionen, in denen viele dieser Bilder entstanden sind und haben eine für die Missions-Fotografien relevante berufliche Praxis aufgebaut. Mit diesem Hintergrund interpretieren sie die Bilder. Zwei Visual Interpreters standen gestern in Basel Red und Antwort: Rahul Mehrotra ist indischer Architekt mit einem Büro in Mubai/Bombay. Emmanuel Akyeampong ist ein Historiker, der zurzeit das Programm für Afrikastudien in Harvard (Boston) leitet, aber seine eigenen tiefen Wurzeln in Ghana hat. Beider Beiträge zur Verwendung der Bilder sind auf der Website zugänglich.

Will man also das Basler Projekt auf einen Begriff "festnageln", müsste man das Wort "Schatztruhe" bemühen - da sich aus ihr so viele ästhetische, historische, kulturelle, soziale und religionsgeschichtlich-relevante Informationen bergen lassen. Und das im Nu, wie Jenkins anmerkt: "Diese Bilder wirken sofort auf alle an der Geschichte beteiligten Seiten. Sie werden bestimmt verschieden rezipiert, interpretiert und ausgewertet, häufig mit sehr unterschiedlichen Emotionen."

Wenn sie aber zu vertieften gegenseitigen Gesprächen über eine gemeinsame Geschichte führen, dann sind für Jenkins, schlicht alle Wünsche erfüllt, denn: "In unserer immer enger werdenden und von religiösen Konflikten bedrohten Welt werden Gespräche zu einem Mittel der tiefen Verständigung."

Eines jedoch ist (allen) klar: Die Website ist ein Instrument. "Welche Musik indessen auf diesem Instrument gespielt wird, hängt nicht zuletzt von der Intensität ab, mit der wir in "mission 21" die Verwendung der zur Verfügung gestellten Bilder anregen, sowie von der Effizienz, mit der wir hoffentlich als Drehscheibe für die internationalen Reaktionen auf die Bilder funktionieren."

Website: www bmpix.org

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2002-10-19